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Sonntag, 03.07.2011:

Arbeitslose putzen den Strassenstrich

Die Anwohner am Sihlquai sind zufrieden mit der neuen Reinigungsequipe. Trotzdem freut sich das Quartier, dass das horizontale Gewerbe nach Altstetten umzieht.


Pünktlich um 5 Uhr morgens, wenn die laut zwitschernde Vogelschar den einsetzenden Berufsverkehr noch übertönt, ist seit Anfang Juni ein Mann mit neongrünem Gilet und blauer Arbeitshose unterwegs. Seine Utensilien: eine «rückenschonende» Greifzange, eine Taschenlampe und ein roter Plastikeimer. Seine Mission: die Spuren der «Trottoirschwalben» aus den Büschen zwischen den Wohnhäusern und am Limmatufer entfernen – klebrige Findlinge aus einer betriebsamen Nacht, deren Anblick einen unsensiblen Magen erfordern.

Den Putzwagen hat der gelernte Maurer, ein stattlicher Mann mit Schnauz, vor dem Polizeiposten Industrie vis-à-vis parkiert. Gemächlich geht er zwischen Dammweg und Kornhausbrücke umher und macht, «dass alles wieder sauber ist». Dazu hört er Musik aus den Ohrstöpseln. «Wenn die Freier Zahltag haben», weiss er, «ist es am schlimmsten mit dem Dreck.» Kondome und Kleenex greift er elegant mit seiner langen Zange, bei Deftigerem wie Fäkalien, kommt anderes Werkzeug zum Zug. Zweimal füllt der starke Mann bis um 7 Uhr den Plastikeimer, danach überlässt er das saubere Terrain dem anbrechenden Tag. Seinen Namen will er partout nicht in der Zeitung lesen. «Ich will mich vor meinen Kollegen nicht schämen müssen.»

Keine Sozialhilfebezüger

Der Mann mit dem auffälligen Gilet ist einer von drei Schweizer Langzeitarbeitslosen vom Jobbüro, die sich bei dieser Putzarbeit abwechseln. «Das Jobbüro ist ein gemeinnütziger Verein, der als Vermittler zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auftritt. Wir helfen Langzeitarbeitslosen, sich wieder im Arbeitsmarkt zu etablieren», sagt dessen Geschäftsführer Fredi Spiess. Er betont, es handle sich bei seinen Arbeitern ausschliesslich um Leute, die sich mit temporären Jobs über Wasser halten. «Keiner von ihnen bezieht Sozialhilfe.» Den Auftrag zum Putzen erhielt der Verein von der Stadt.

Die Abscheu war anfangs gross

Es habe sich niemand um diesen Job gerissen, sagt Fredi Spiess. Mit der Aussicht auf einen Lohnzuschlag meldeten sich aber spontan drei Schweizer. Diese seien im Jobbüro in der Mehrzahl. Ein ausländischer Arbeitnehmer wollte die Arbeit aus religiösen Gründen nicht machen. Die Abscheu vor dieser Tätigkeit sei anfänglich bei allen gross gewesen, berichtet Spiess. Mittlerweile würden die drei Männer ihren Job aber gar nicht so ungern machen. «Es ist eine relativ lockere Arbeit zwischen 5 und 7 Uhr, und in diesen Morgenstunden ist auch die Anonymität der Männer gewährleistet, was diese schätzen.»

«Die Putzaktion ist eine Premiere», sagt Thomas Meier von der Kommunikationsabteilung des Sozialdepartements. Sie folge dem stadträtlichen Motto: «Ausserordentliche Situationen erfordern ausserordentliche Massnahmen». Während der Sommermonate sei es besonders schlimm mit den «Verunreinigungen», sagt Meier. Die auf drei Monate beschränkte Reinigungsaktion kostet 20'000 Franken, die privaten Grundbesitzer am Sihlquai zahlen nichts. Sie sind bislang zufrieden. Max Egger (61), Hauswart einer Liegenschaft am Sihlquai: «Wochenende für Wochenende musste ich Kot und Urin wegspülen. Nun bin ich zuversichtlich, dass alles besser wird.» Alles sehe jetzt tipptopp aus, und es sei kein Vergleich zu vorher.

Mögliche Verlängerung

Egger findet, die Aktion dürfe ruhig so lange dauern, bis der Strassenstrich am Sihlquai im nächsten Frühling nach Altstetten umgesiedelt werde. Denn «schliesslich hat uns die Stadt selber dieses grauenhafte Desaster eingebrockt», sagt der Hauswart. 70'000 bis 80'000 Franken habe die Liegenschaftsverwaltung bereits in Sicherheitsvorkehrungen investiert, für Barrieren und Schockbeleuchtung im Hof – von den Überstunden fürs Putzen ganz zu schweigen. «Und alle 14 Tage fährt mir einer den Schlüsselpfosten um», ärgert sich Egger. Thomas Meier vom Sozialdepartement will nicht ausschliessen, dass die Aktion weitergeht: «Über eine Verlängerung werden wir diskutieren.»

Für einen 40-jährigen Familienvater, der seit zehn Jahren im Kreis 5 wohnt, war der Strassenstrich vor der Personenfreizügigkeit kein Problem. «Früher haben die Damen ihren Abfall im Säckchen mitgenommen – heute lassen die Roma alles liegen», beschwert er sich. Auch werden er und seine Frau immer mal wieder mit Szenen konfrontiert, bei denen sie vor ihrem 6-jährigen Sohn in Erklärungsnot geraten würden. Eines aber ist für die ganze Familie klar: «Alles ist jetzt besser, als es vorher war.»

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Arbeitslose-putzen-den-Strassenstrich-/story/25001823



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