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Dienstag, 24.05.2011:
«Das läuft alles sehr diskret ab»
Sex als Dienstleistung im Hotel: Ein heikles Thema, nicht erst seit dem Fall Strauss-Kahn. Wie reagieren Zürcher Hoteliers auf Kunden, die sich eine Frau für eine Nacht wünschen?
Es ist kurz nach 22 Uhr. Ein Geschäftsmann im schwarzen Anzug betritt das Businesshotel, ein Rollköfferchen hinter sich herziehend. Vier Réceptionisten lächeln ihm freundlich entgegen. Der Mann zückt seine Kreditkarte. Flinke Finger flitzen über eine Tastatur. Der Geschäftsmann erhält eine Schlüsselkarte: «Schönen Aufenthalt!»
Das Zimmer liegt im 30. Stock, Zürich liegt dem Mann zu Füssen. Doch er zieht die Vorhänge nicht zurück. Er ärgert sich, weil das Hotel nicht imstande ist, sein durchgeschwitztes Hemd bis zum nächsten Morgen zu reinigen. Nach einem kurzen Work-out im Fitnessraum geht er in die Hotelbar. Weil da und auch in der Executive Lounge nichts los ist, fährt er wieder hoch in sein Zimmer. Er nimmt den Telefonhörer zur Hand. Der Concierge meldet sich: «Wie kann ich Ihnen helfen?» – «Ich hätte gerne weibliche Gesellschaft in meinem Zimmer.» – «Tut mir leid, da kann ich nichts für Sie tun.» – «Und wenn ich Sie bezahle?» – «Das ändert nichts daran.» – «Und wenn ich jemand Externes aufs Zimmer kommen lasse?» – «Das ist kein Problem.» – «Sie würden eine Frau hinein lassen?» – «Ja, klar. Wir haben nur ein Vermittlungsverbot.»
Nahe an der Illegalität
Hat dieser Concierge korrekt gehandelt? Einer, der es wissen muss, ist Paul Nussbaumer, Direktor der Zürcher Hotelfachschule Belvoirpark. Er sagt: «Der Concierge hat das Richtige getan. Er darf keine Prostituierte vermitteln, weder gegen Geld noch kostenlos.» Ein zweiter Fachmann pflichtet bei: «Wir organisieren unseren Gästen keine Escort-Damen», sagt Jörg Arnold. Er führt das Hotel Storchen und ist Präsident des Vereins Zürcher Hoteliers. Das Vermitteln von Prostituierten sei gefährlich nahe an der Illegalität; zudem kämen so zwielichtige Gestalten wie Zuhälter in die Nähe der Hotels. Ein Concierge, der sich mit Prostitution – oder auch mit Drogen – etwas dazuverdiene, erhalte sofort die Kündigung.
Angestellte von Escort-Services, welche die Gäste in Eigenregie bestellen, sind in den Hotels jedoch geduldet. «Wir müssen uns nichts vormachen: Es besteht ein Bedürfnis danach», so Paul Nussbaumer, und Jörg Arnold sagt: «Das läuft alles sehr diskret ab. Aber der Concierge und der Direktor wissen Bescheid, wenn ein Gast eine Dame auf sein Zimmer kommen lässt.» Der Geschäftsmann sitzt in Zimmer 3014 am Schreibtisch, seinen Laptop vor sich. Er liest die Berichterstattung über den Fall Strauss-Kahn. Dessen Verteidigung argumentiert, die sexuellen Handlungen zwischen dem französischen Politiker und dem Zimmermädchen seien einvernehmlich gewesen. Sex als Bestandteil des Zimmerservice, kann das sein? «In der Schweiz auf keinen Fall. Das kann sich kein Hotelier leisten. Er und die Betreffende wären ihre Jobs sofort los», sagt Jörg Arnold. Praktisch relevanter sei die Frage, wie man sein Personal vor aufdringlichen Gästen schütze.
3 Espressi, 1 Griff ans Gesäss
Arnold schildert ein Beispiel: Ein Gast liess sich eines Nachts dreimal hintereinander einen Espresso aufs Zimmer bringen. Beim dritten Mal fasste er dem Angestellten ans Gesäss. «Ich bin sofort zu diesem Herrn gegangen und habe ihm erklärt, dass es so nicht geht.» Wichtig sei deshalb eine offene Gesprächskultur: «Solche Vorfälle dürfen intern nicht unter den Teppich gekehrt werden.» Paul Nussbaumer sagt, die Hotels hätten ihre Methoden, um den Zimmerservice zu schützen: «Bei den einen arbeiten nachts nur Männer, die anderen schicken Zweierteams auf die Zimmer.»
Der Geschäftsmann hat unterdessen eine Broschüre von Zürich Tourismus entdeckt. Darin findet er Websites von Escort-Services. Er klickt sich durch die Angebote. Michelle, 24. Rotes, kurzes Haar. Sternzeichen: Krebs. Extra-Service: anal, Dominatrix. Oder: Linda, 27. Spricht Slowenisch, Deutsch, Englisch und Italienisch. 90 Minuten kosten 500 Franken. Dem Geschäftsmann ist das zu teuer. Er entscheidet sich für eine kostengünstigere Variante: Via Pay-TV mietet er für 24 Franken den Film «Alexis Texas – Nymphomaniac». Nur für Erwachsene. Doch er kann sich nicht entspannen; die leise surrende Klimaanlage bereitet ihm Kopfschmerzen. Der Geschäftsmann, im wahren Leben Journalist, denkt: Genug des Selbstversuchs. Er schluckt ein Aspirin, legt sich quer auf das Kingsize-Bett und schläft augenblicklich ein.
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