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Montag, 24.01.2011:

Das Leben danach

Was macht eine Prostituierte, die den Job wechseln will? Sie spielt Lotto. Denn Umsteigen ist schwierig, wie das Beispiel einer Betroffenen zeigt.

Der Lohn soll steigen, je länger man einen Beruf ausübt. So lautet eine ökonomische Faustregel. In Bordellen und am Strassenstrich verhält es sich gerade umgekehrt. Mit jedem vergangenen Monat verliert der Körper einer Prostituierten an Wert. Die höchsten Preise kann sie in jungen Jahren verlangen, spätestens ab 30 geht es bergab. «Erfahrung» oder «Sachkompetenz» zählen im horizontalen Gewerbe wenig.

Sonja Lentz* ist um die 45 Jahre alt und seit 30 Jahren im Geschäft. «Als ich jung war, machte ich in meinen besten Monaten bis zu 20'000 Franken.» Heute freut sich Lentz, wenn an einem Tag 100 rausschauen. «Und das kommt selten vor, das sag ich Ihnen.»

Sparen ging nicht

Dieses ökonomische Paradox, das auch Spitzensportler kennen, stellt Lentz vor ein fast unlösbares Problem. Gerne würde sie ihren Beruf aufgeben und sich selbstständig machen. Dazu bräuchte sie Geld. Geld, das sie nicht mehr verdient. Zwar reichen die Einnahmen noch, um sich und den beiden Kindern ein anständiges Leben zu finanzieren. Zu mehr aber nicht. «Etwas aufs Konto zu legen, liegt nicht drin.» Also steht Lentz weiterhin Nacht für Nacht auf den Trottoirs stark befahrener Strassen, was ihr Körper nicht mehr so leicht wegstecke wie früher.

Eine Pensionskasse hat Lentz keine, wie die meisten Prostituierten. Und das Sparen aus eigenem Antrieb hat nie geklappt. «Ich hatte das Geld, aber ich konnte nicht damit umgehen. Das habe ich nie gelernt. Alles ging weg. Für Reisen. Für Kleider. Und natürlich für meine Kinder. Ältere Kolleginnen haben mir gesagt, ich solle etwas auf die Seite legen. Aber ich . . .» Lentz senkt den Arm und macht ein Geräusch. Pffffff.

Das Sihlquai als Lohnkiller

Dafür, dass Lentz seit 30 Jahren eine aufzehrende Arbeit verrichtet, sieht sie erstaunlich jung aus. Die Haare trägt sie blondiert, die Nägel verlängert. Ihre Blicke krallen sich ins Gegenüber, sie hat die Haltung von jemandem, der auf der Lauer liegt, wachsam und angriffsbereit. Während des Erzählens macht sie weite Sprünge und landet stets beim gleichen Thema: dem Sihlquai.

Die Zustände auf dem Strassenstrich dienen ihr als Erklärung für die finanzielle Misere. Wenn Lentz vom Sihlquai spricht, steht sie auf, fuchtelt mit den Armen. Es seien die Ungarinnen, die den Markt ruinierten, zu tiefe Preise verlangten und Sex ohne Kondom anböten. «Blasen ohne Gummi für 40 Franken, das mach ich nicht, sorry!» Die Dumpingpreise hätten die Einnahmen von ihr und anderen älteren, eingesessenen Prostituierten einbrechen lassen. Das führe regelmässig zu Streitereien. Und verunmögliche, dass sie etwas Geld retten könne.

Als 15-Jährige angefangen

Sonja Lentz hat eine Prostituierten-Laufbahn durchlaufen, die man als typisch bezeichnen könnte. Als Kind vom Vater missbraucht, «obwohl mir niemand glaubte», von zu Hause abgehauen, in einem Heim gestrandet. Mit 15 verkaufte sie zum ersten Mal ihren Körper. Noch heute schwärmt sie von ihrem damaligen Zuhälter und Freund. «Leider ist er gestorben. Wie ein Vater hat er sich um mich gesorgt. Solche Männer gibt es heute keine mehr.» Auf einem Computer gibt sie seinen Namen ein, ein Schwarzweissfoto erscheint. Lentz wirft dem ehemals stadtbekannten Playboy einen wehmütigen Blick zu.

Lentz ist beim Beruf geblieben, den sie als Teenager ergriffen hat. Eine Lehre begann sie nie. «Warum auch? Ich war frei. Ich hatte Geld. Ich war glücklich.» Mit 28 gebar sie ihr erstes Kind, das sie «im Gegensatz zu vielen anderen Prostituierten» behalten hat. Bald kam noch ein zweites hinzu. «Ich will den beiden ein Leben bieten, das ich selber nie hatte.»

Auch wegen ihrer Kinder möchte Lentz den Beruf wechseln. «Sie haben keine Ahnung, womit ihre Mutter in Wirklichkeit das Geld verdient.» Um den Nachwuchs vor der Wahrheit zu schützen, hat Lentz ein fragiles Lügengebäude konstruiert. Je älter die Kinder werden, je mehr Fragen sie stellen, desto stärker wackelt es.

«Das Lügen macht mich fertig»

«Wenn sie von meinem Beruf erfahren, wäre das eine Katastrophe. Doch das ständige Lügen macht mich fertig.» Die Kinder sind es gleichzeitig, die Lentz das Aufhören erschweren. «Ich brauche 5000 Franken pro Monat. Sonst geht das nicht. Mit der Schule, den Sportferien, den Kleidern. Einen gewissen Standard muss ich garantieren.»

Lentz steht vor einer Sisyphusaufgabe: Sozialhilfe will sie keine. Ohne Lehrabschluss eine Anstellung mit 5000 Franken Lohn zu finden, ist fast aussichtslos. Und wenn sie die Frage nach ihrem Werdegang beantwortet, knallen die letzten Türen zu. «Sie können sich die Reaktionen vorstellen, wenn ich von meinem Leben erzähle.» Auch aus diesem Grund will sich Lentz selbstständig machen. «Ich denke an einen Gastrobetrieb oder etwas, das mit Kindern und Tieren zu tun hat.» 70'000 Franken brauche sie dafür, das habe sie ausgerechnet. Mehr nicht. «Nur 70'000.»

Es gäbe durchaus Möglichkeiten, dieses Geld zu verdienen. Sie könnte etwa, sagt Lentz, nicht nur ihren Körper, sondern auch Drogen anbieten. Manche Prostituierte ergänzten ihre Dienstleistungen mit einem Crack-«Pfeiflein». Ein solches steigere die Einnahmen beträchtlich. Ebenfalls gewinnsteigernd wirkte, wenn Lentz ihren Grundsatz «nur mit Kondom» lockern würde. «Aber ich will mich weder strafbar machen noch anstecken lassen.» Also warte sie weiter auf Freier, besuche Stammkunden und halte sich mit Koffeintabletten wach. Wie lange sie noch durchhalte, wisse sie nicht. «Mir bleibt nur das Lottospielen.»



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