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Dienstag, 20.04.2010:

Die Prostitutionsszene droht aus dem Ruder zu laufen

Sie arbeiten als Prostituierte, dienen gleichzeitig als verlängerter Arm der Zuhälter: die sogenannten Kapo-Frauen. Die Staatsanwältin Silvia Steiner ermittelt gegen sie und sagt, wie ihre Methoden funktionieren.

Die Behörden und Anwohner laufen Sturm gegen die Prostitution am Sihlquai. Frau Steiner, sie kämpfen als Staatsanwältin der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich seit Jahren gegen Menschenhandel und Prostitution. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation ein? Zurzeit herrscht auf dem Sihlquai eine Art offene Prostitutionsszene, die aus dem Ruder zu laufen droht. Es sind vorwiegend Männer und Frauen aus Ungarn, die das Sihlquai beherrschen. Aus unseren Verfahren wissen wir auch, dass Konkurrenzdruck und Gangart zunehmend härter werden.

Nicht nur männliche Zuhälter kontrollieren den Strich am Sihlquai, sondern auch weibliche. Gehen diese Frauen genau gleich vor wie ihre männlichen Pendants?
Nein, diese Frauen sind eine Art verlängerter Arm der männlichen Zuhälter. Ein Zuhälter kontrolliert in der Regel drei bis vier Frauen, will sich selbst aber nicht auf dem Strich blicken lassen. Einerseits will er der Polizei aus dem Weg gehen, andererseits mögen es die Freier nicht, wenn um die Frauen noch Zuhälter herumstehen. Damit sie trotzdem alles unter Kontrolle behalten, lassen sie eine ihrer Frauen in der Hierarchie aufsteigen. Wir nennen sie Kapo-Frauen, in Anlehnung an die Häftlinge in den Konzentrationslagern, die zu Aufsehern befördert wurden und ebenfalls Kapos genannt wurden.

Was sind die Aufgaben dieser Frauen?
Sie arbeiten als Prostituierte und kontrollieren gleichzeitig ihre Kolleginnen. Einerseits instruieren sie ihre weniger erfahrenen Kolleginnen und führen die Preisverhandlungen für sie. Ausserdem stehen sie via Handy konstant im Kontakt mit dem Zuhälter und informieren diesen über jeden Schritt seiner Prostituierten. Schliesslich setzen sie ihre Kolleginnen unter Druck, in dem sie Drohungen des Zuhälters weitergeben.

Das heisst, sie sind lediglich Mittelsleute?
Nicht nur, gewisse gehen deutlich weiter als sie müssten. Wenn eine Frau nur das tut, wozu ihr Zuhälter sie zwingt, stelle ich das Verfahren gegen sie ein. Bisher habe ich zwei Frauen angeklagt. Beide hatten selbst gezielt Druck ausgeübt.

Zuhälter setzen ihre Prostituierten oft mit physischer Gewalt unter Druck. Verschaffen sich auch die Kapo-Frauen Autorität durch Schläge?
Das ist mir so nicht bekannt. Gut möglich, dass es auch das gibt. Doch im Grunde ist das gar nicht nötig. Bei den Roma ist es häufig so, dass nur eine Frau einer Gruppe geschlagen wird. Dann wissen die anderen Frauen, was ihnen geschieht wenn sie nicht gefügig sind.

Wie viele Kapo-Frauen gibt es in Zürich?
Das kann ich nicht sagen. Ich vermute, dass jeder Zuhälter mindestens eine Kapo-Frau hat. Eine wurde bisher verurteilt, eine weitere ist angeklagt. Gegen einige weitere laufen noch Ermittlungsverfahren.

Haben die Kapo-Frauen besondere Privilegien innerhalb der Gruppe?
Sie meinen es, aber objektiv kann man kaum von Privilegien sprechen. Es sind häufig die Hauptfrauen, die auch dem Zuhälter als Sexgespielin zur Verfügung stehen müssen. Vielleicht lässt er sie auch ein wenig am finanziellen Gewinn teilhaben. Doch auch sie müssen anschaffen gehen und auch sie geben ihren gesamten Verdienst ab.

Haben Kapo-Frauen Alternativen zur Prostitution?
Nein. Die meisten von ihnen kommen aus ländlichen Gebieten, haben keine oder nur eine schlechte Ausbildungen und leben in unbeheizten Hütten. Sie können im besten Fall in der Gemüseernte etwas Geld verdienen.

Sind diese Frauen nun eher Opfer oder Täter?
Die Frauen haben eine etwas schizophrene Wahrnehmung ihrer Rolle. Einerseits muss sich eine Frau auf dem Strich verkaufen. Das kann sie nur, wenn sie den Anschein erweckt, sie tue es freiwillig. Gleichzeitig sehen sie sich als Opfer. Freiwillig seien sie nämlich nicht ins Prostitutionsgeschäft eingestiegen, sondern aus Not.



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